Schlagwort: Orakel des Todes

Blatt 093 Dritter April 2026

Dritter April 2026, Karfreitag. Zum Karfreitag eine Leidensgeschichte, die sowohl zum Karfreitag als auch zum gestrandeten Wal passt. Ein Orakel des Todes.

Sie war nicht unbedeutend müde. Lebensmüde. Ihr Name tut nichts zur Sache. Sie war ein Wal, sie war älter als Methusalem. In ihrem Bauch hatte sie einst den Jonas beherbergt. Und sie hatte das menschliche Leben ausgespien, an Land geworfen. Und sie hatte unzähligen kleinen Walen das Leben geschenkt, die in ihrem Bauch herangewachsen waren, aber keines von ihren Nachkommen lebte mehr. Sie hatte sie alle überlebt. Und nun würde in ihrem Bauch nichts Lebiges mehr heranwachsen können.

Ruhelos trieb das riesige Tier in den weltumspannnenden Wassern der Ozeane, dem Urquell alles Lebendigen. Um in eben jenem ureigensten Elixier des Lebens dem grausamsten aller Tode entgegenzutreiben. Unfähig, das Leben weiterzugeben, hatte auch ihr eigenes, individuelles Leben seinen Sinn eingebüßt. Lieber wäre es ihr da schon gewesen, hätte sich die hakenbewehrte Harpune des Walfängers in ihr Fleisch gebohrt. Aber es gab keine Harpunen mehr; auch keine Jäger, die sie hätten abschießen können. Es gab überhaupt keine Menschen mehr. Schwermütig pfiff die Luft durch das ölverschmierte Atemloch des Riesentiers. Oben, auf dem Festland, hatte die Herrschaft der Maschinen begonnen, hatte das Leben unterdrückt und geknechtet und schließlich ganz ausgelöscht. Hier unten, wo dieses Leben einst seinen Ursprung genommen hatte, hierhin hatte es sich letztendlich zurückgezogen. Sie war das letzte lebende Tier ihrer Art, das letzte Lebige aller Tiere. Und sie war älter als Methusalem. Noch einmal pfiff die Luft resignierend aus dem riesigen Körper. Es war ihr letzter Atemzug. Mit ihm stieg eine Wasserfontäne hoch empor über ein unendlich scheinendes, grauschwarzes, sich sanft wiegendes Sterbelaken. Aber kein Auge war mehr da, diesen letzten Abschiedsgruß des Lebens zu schauen.

Zu düster? Tröstet euch, Ostern steht vor der Tür! Diese kleine Fabel darf auf keinen Fall als Appell missgedeutet werden, bei der nächsten Wahl die Grünen zu wählen! Grüne und Linke sabotieren Naturschutzmaßnahmen! Windräder in Wald und Flur sowie Solaranlagen auf unseren Wiesen stehen für radikale Zerstörung der Natur, für eine Torpedierung des Artenschutzes!

173. Kalenderblatt 22. 06. 2025

Ein Orakel des Todes im Kalender konservativer (rechter) Satire, erlesenen Schwachsinns und grotesker Kriminalfälle.

Torotl und Idiotl, zwei Edelleute aztekischer Abstammung, einzig überlebende Makro-Organismen der Sintflut heißen Sandes, hockten gelangweilt im Wadi des Todes. Ihre Körper hatten gelernt, sich ausschließlich von heißer Luft zu ernähren, deren unverdauliche Bestandteile sie nach hinten wieder ausbliesen.

Die Welle einer Sanddüne spülte eine Flasche vor ihre Füße, mitten im Wadi des Todes, da wo einst ein Meer gewesen war. „Eine Flaschenpost“, sagte Torotl und griff sich die Flasche. „Steht ein Absender drauf?“ fragte Idiotl. „Noah“, sagte Torotl, „wollen wir sie öffnen?“

„Ja“, meinte Idiotl und zog den Korken heraus. „Flasche leer“, stellte er verwundert fest. Sie war aber nicht leer, ihr Inhalt war nur unsichtbar. Es war Noahs Arche der Mikro-Organismen. So fanden auch Idiotl und Torotl letztendlich ihren Tod.

Zu düster? Zu pessimistisch? Hier noch, auch angesichts der Entwicklungen im Nahen Osten, zwei aufmunternde Sprüche:

Wen die Götter lieben, der stirbt dumm.

Des einen Unglück ist des anderen Pech.

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