Da dieser Kalender ein Portal für Satire, erlesenen Schwachsinn sowie grotesken Kriminalfällen sein sollte, darf Letzteres nicht fehlen. Im Herbst dieses Jahres erscheint die Kriminalgroteske ‚Zaungast und der Erlkönig‘. Daraus als Vorgeschmack nun die ersten Zeilen:
Aus kühlem Wiesengrund steigt wabernd der Nebel. Kein Lüftchen streicht über das Gras hinweg. Die Randeichen des nahen Waldes stehen reglos und schweigend. Alles wirkt wie aufgemalt; starr, bewegungslos, stumm. Am Himmel verblassen soeben die letzten Sterne, um dem heraufdämmernden Morgenlicht zu weichen. Schaurig gellt der Todesschrei einer Krähe vom nahe gelegenen Moor herüber.
Der Vogelkundler, der in diesem Moor seinen Horchposten bezogen hat, merkt nicht, dass er beobachtet wird. Seine Aufmerksamkeit ist ganz auf die Vogelstimmen gerichtet, die zwitschernd die Ouvertüre des neuen Tages orchestrieren. Als die Krähe ihren Todesschrei ausstößt, schaut er kurz auf. Gespenstisch schälen sich die Umrisse einer Kopfweide aus dem Nebel, ein riesenhafter Struwwelkopf mit einem Ableger rechts, einem seltsamen Auswuchs langer, auseinandergespreizter Weidenruten, gleich einer knöchernen Schwurhand. Ein in Weidenholz verwachsenes Memento. ‚Memento mori! Gedenke des Todes!‘ will es heißen. So spukt es dem Ornithologen durch den Kopf. Ja, der Tod ist präsent an jenem nebligen Morgen im und rund um das Moor. Im Gaukelflug streicht lautlos eine große Eule auf ihren Schlafbaum zu, in ihren Fängen die Krähe, die eben ihr Leben ausgehaucht hatte, irgendwo im unheimlichen, tückischen Moor, da, wo der Legende nach ein furchterregendes Gespenst umgeht. Professor Mellenkamp fürchtet weder Gespenster noch das Moor. Das Moor ist quasi sein Zuhause. Er kennt hier jeden Tümpel, jeden Pfad, auch jede Gefahr, die abseits der sicheren Pfade lauert. Unzählige Stunden hat er hier schon verbracht, allein oder mit Kollegen. Zumeist allein, um seine gefiederten Freunde zu beobachten, zu belauschen und ihre Stimmen aufzuzeichnen.
Noch immer hat er nicht registriert, dass man ihn beobachtet. Heimlich, aus dem Nebel heraus. Eine Unke hockt in ihrem Tümpel und unkt ihn an. ‚Bran‘ glaubt Professor Mellenkamp zu verstehen. Dann plötzlich hört er das Knacken. War es ein Fuß, der auf einen morschen Ast getreten ist … oder … das Spannen einer Waffe, das leise Knacken des Abzugshahns? Zum ersten Mal in seinem Leben spürt Professor Mellenkamp eine Atmosphäre irrationaler Furcht in diesem Moor. Fröstelnd zieht sich Mellenkamps Haut zusammen. Schattengleich schält sich etwas aus dem Nebel heraus. Die Umrisse eine Gestalt …